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24.09.2022

Ob im Thurgau oder in den Tropen: «Den Wald schützen durch Nützen»

Der Wald ist beliebter denn je: In der Bauwirtschaft legt Holz als Ressource schon seit Jahren zu, als Naherholungsgebiet wird die Natur seit der Corona-Pandemie wieder mehr geschätzt, und Brennholz rückt angesichts der Energiekrise wieder verstärkt in den Fokus. Was aber bedeutet das für den Schutz des Waldes – sowohl im Thurgau als auch in den Tropen? Ein spannender Vergleich.

Holz als Rohstoff für den Bau und als Restholz für die Energiegewinnung nimmt an Bedeutung zu. «Der Wald spielt eine wichtige Rolle im Kampf gegen den Klimawandel», ist Werner Fleischmann als Immobilienunternehmer überzeugt. Es gebe jedoch grosse Risiken für den Wald weltweit, beispielsweise Trockenheit, Feuer, Raubrodungen, Stürme, Schadinsekten oder Kriege. Er fragt sich: «Wer schützt und zahlt dies?»

In die Waldnutzung investiert
Werner Fleischmann vermittelt mit seiner Firma Fleischmann Immobilien ebenfalls Waldflächen in der Ostschweiz. Daneben hält er als bedeutender Aktionär eine Beteiligung an Precious Woods, einer Firma, die Wald in den Tropen nachhaltig bewirtschaftet: «Wir müssen den Wald schützen durch Nützen – egal ob im Thurgau oder in den Tropen. » Precious Woods bedeutet so viel wie «wertvolle Wälder». Nomen est Omen: Es ist eines der global führenden Unternehmen in der nachhaltigen Bewirtschaftung tropischer Wälder, dessen Verwaltungsrat von Katharina Lehmann präsidiert wird. Lehmann ist Inhaberin und Geschäftsleiterin der Gossauer Blumer Lehmann AG – einem global tätigen Holzbauunternehmen, das sich weltweit in exklusiven Nischenmärkten einen Namen gemacht hat. Zu ihrer Firmengruppe gehört auch das grösste Ostschweizer Sägewerk.

Aus der Waldkrise gelernt
In einem Erfahrungsaustausch mit dem «obersten Thurgauer Förster» kommt Erstaunliches zutage – denn, so bestätigt der Thurgauer Kantonsforstingenieur Daniel Böhi: «Wir müssen unseren Wald weltweit sichern.» Diese Meinung teilt Werner Fleischmann und freut sich, dass es um den Wald und dessen Bewirtschaftung in der Schweiz gut steht und das Image hervorragend ist. Indes bedauert er: «Beim Tropenwald fehlt das positive Image. Das macht es für Firmen wie Precious Woods am Markt schwierig, obwohl sie nachhaltig und seriös arbeiten.» Böhi gibt zu bedenken, dass man in der Schweiz bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Lehren aus der Übernutzung des Waldes, verbunden mit Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, gezogen habe. «Heute sind wir sehr nachhaltig unterwegs.» Werner Fleischmann sieht Precious Woods ebenfalls auf dem richtigen Weg. Auch wenn er steinig ist.

Raubbau verhindern
Fleischmann betont, wie wichtig es ist, dass Unternehmen wie Precious Woods mit Schweizer Know-how auch in den Tropenwäldern investieren. Böhi: «Das ist extrem wertvoll. Denn sonst überlassen wir die tropische Holzbewirtschaftung einem Raubbaukonzern.» Lehmann macht die Dramatik der Situation besonders deutlich: «Unsere Konkurrenz ist unter anderem die Illegalität.» Sie betont denn auch, dass die Holznutzung besonders eng überwacht werde. Die Erschliessungsstrassen würden so angelegt, dass sie anschliessend nicht mehr nutzbar seien. Damit soll verhindert werden, dass Unbefugte in den Wald eintreten und Raubbau oder Wilderei betreiben. Fleischmann weist deshalb auf die Kostenintensität in den Tropen hin: «Während wir in unseren Wäldern auf ein Netz von Forststrassen zurückgreifen können, muss das Strassennetz in den Tropen immer wieder neu gebaut werden.» Lehmann macht indes deutlich: Nicht der Profit am Holz sei der grosse Treiber von Waldrodungen, sondern das Bevölkerungswachstum und die Landumnutzung: «Abholzung erfolgt vor allem, um Soja oder Fleisch produzieren zu können.»

Rentable Nutzung herausfordernd
Bleibt die Frage, ob in den Tropen Wälder überhaupt rentabel genutzt werden können. Manchmal denkt Lehmann schon, «das isch s’Bättle versuumet» – um postwendend zu sagen: «Wenn ich nicht daran glauben würde, würde ich aufhören. Seit 2014 haben wir operativ wirklich Fortschritte gemacht.» Aber das grosse Risiko bleibe bestehen: «Arbeiten in Schwellenländern birgt viele Unsicherheiten, die wir in der Schweiz nicht kennen. Plötzlich fehlt Diesel, eine Strasse oder eine Bahnschiene ist nicht befahrbar, oder Streiks legen alles lahm. Das führt oft zu Rentabilitätsschwankungen. » Angesichts dieser Problematik bedauert Lehmann, dass das Material einen «viel zu tiefen Marktpreis hat, damit die Wertschöpfungskette einwandfrei funktionieren könnte».

Forstbetriebe leben von Reserven
Selbst wenn die Ausgangslage in den hiesigen Breitengraden eine komplett unterschiedliche ist, bedauert doch auch Böhi: «Wir haben im Thurgau und im Mittelland ein Rentabilitätsproblem. Seit 20 Jahren rentiert sich die Holzbewirtschaftung nicht wirklich, und die Forstbetriebe leben von den Reserven. Es braucht einen langen Atem.» Die Situation habe sich seit der Corona-Pandemie zwar verbessert. Dies tue der Tatsache keinen Abbruch, dass auch die Zahl der Sägewerke in der Schweiz von 1000 auf rund 200 gesunken sei. Die Frage, so Lehmann, sei schon berechtigt: «Wie können wir gemeinsam eine erhöhte Inwertsetzung erreichen?» Fleischmann wirft ein, dass zwar die Holzpreise steigen, aber die Kosten ebenso, was Böhi auf den Plan ruft: «Eigentlich sollten die Preissteigerungen der Holzbauprodukte ebenfalls an die Waldbesitzer weitergegeben werden – mit Blick auf die Nachhaltigkeit wäre das äusserst sinnvoll.» Lehmann wünscht sich deshalb generell für naturnahe Produkte, dass sie «in ihrem Wert besser erkannt werden. Ein Preis für Ökosystemleistungen wäre sinnvoll.» Das gelte überall auf der Welt – «nicht nur für Holz, auch für sauberes Wasser oder Klimabeiträge». Böhi ist deshalb überzeugt, dass es im Thurgau oder in den Tropen gleichermassen eine Verpflichtung sei, das Ökosystem Wald einerseits, und andererseits den Wald als Erholungsgebiet zu schützen – im Wissen, «dass es leider fast unmöglich ist, jemanden zu finden, der für die Erholungsnutzung bezahlt». Seine Motivation verliert er deswegen nicht, denn: «Ich habe enorm Freude am Wald und an den Tieren darin.» Lehmann ist und bleibt ein grosser «Waldfan», auch wenn sie von der Seite der Holznutzung kommt. Sie will alles daransetzen, dass der Wald an Wert gewinnen kann.

Nachfrage wird zunehmen
Holz als nachwachsende Ressource sei für die Zukunft bedeutsam, sagt Lehmann. Sie hegt keine Zweifel, dass die Nachfrage nach Industrieholz enorm zunehmen wird. «Die Frage ist nur, nach welchen Kriterien Waldbau betrieben wird, denn die Industrie braucht den Rohstoff.» Böhi sieht trotz Skepsis Grund dazu, optimistisch zu bleiben, auch wenn der Wald wohl kaum mehr eine Goldgrube werden wird, wie das einst der Fall war: «Früher hatte man den Wald als eiserne Reserve und fällte ein paar Tannen, wenn man Geld brauchte.» Dividenden gibt es heute hüben wie drüben kaum – das haben Schweizer Waldbesitzer und Investoren in Tropenwäldern wohl gemeinsam. Oder wie es Fleischmann ausdrückt: «Das ist ein Hobby und ein langfristiges Engagement für die Zukunft.» Es sei ihm aber ein Anliegen, das Image der Holzwirtschaft, wenn sie nachhaltig und verantwortungsvoll betrieben wird, positiv zu prägen. Wichtig sei, so Lehmann, dass Holz seinen Absatz möglichst lokal findet und das Tropenholz dort eingesetzt werde, wo es sinnvoll ist. In der Schweiz sei lokales Holz wie Fichte oder Tanne für die Bauwirtschaft wichtig. Tropisches Holz eigne sich beispielsweise im Wasserbau oder auch im Aussenbereich.

>> lesen Sie mehr über den Vergleich der Holz-Nutzung Schweiz und Tropen

>> Film NZZ Format: Tropenholz fürs Klima – Wie Gabun den Regenwald retten möchte

 

    Katharina Lehmann: «Wenn ich nicht daran glauben würde, würde ich aufhören.»
    Werner Fleischmann: «Mein nachhaltiges Engagement ist langfristig.»
    Daniel Böhi: «Die Forstbetriebe in der Schweiz leben von den Reserven. Es braucht einen langen Atem.»
    Der Vergleich zeigt, dass im Thurgau und in der Schweiz das Holz viel intensiver genutzt wird als in den tropischen Gebieten (Hintergrundbild: Brasilien) des Holzbauunternehmens Precious Woods.
    Ob im Thurgau oder in den Tropen: «Den Wald schützen durch Nützen»
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